Kirschblüten in China

Coronavirus in China: Ein Gespräch mit der deutschen Auswanderin Lara

»Jeder kann etwas tun, jeder muss etwas tun. Gerade ist nicht die Zeit für persönliche Befindlichkeiten, es ist keine schöne Zeit, aber sie geht vorbei.«

Wie steht man den Ausnahmezustand auf Grund des Coronavirus durch? Wie geht man damit um, wenn die Grenzen des Landes, in das man ausgewandert ist, das fern der Heimat liegt, geschlossen werden? Wie geht man damit um, wenn das öffentliche Leben plötzlich still steht? Darüber habe ich mit Lara gesprochen, einer deutschen Auswanderin, die seit anderthalb Jahren in China lebt. Lara ist mit dieser Situation bereits seit zwei Monaten konfrontiert.

Wir wissen es alle, und es gibt nichts schönzureden: Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand. Die Liste der europäischen Länder, die weitreichende Maßnahmen treffen, um die Verbreitung des Coronavirus (Covid-19) einzudämmen, wird immer länger. Kindergärten, Universitäten, Schulen, Schwimmbäder, Turnhallen und Bibliotheken bleiben geschlossen. Betreiber von Restaurants, Cafés und Kneipen folgen – und schließen ebenso wie Kinos, Theater und Museen. Viele Grenzen in Europa werden für ankommende Reisende geschlossen. Ein Ausnahmezustand fernab der von uns so geliebten und für oftmals zu selbstverständlich gehaltenen »Normalität«. Ein Zustand, der vielen Angst macht. Ein Zustand, der so viel mehr Fragen offen lässt, als Antworten gefunden werden können.

Lara im November in Suzhou (China)

Einige Fragen habe ich Lara stellen können. Lara, Anfang 30, ist mit ihrem Mann vor anderthalb Jahren von Heidelberg nach China gezogen. Die beiden leben in Suzhou, einer Stadt mit rund 10,5 Millionen Einwohnern (2010) im Osten der Volksrepublik nahe Shanghai. Während Laras Mann arbeitet, ist es für sie selbst schwierig in China eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Sie nutzt daher die Zeit, um sich weiterzubilden und hat bereits verschiedene Fernlehrgänge absolviert. Ich folge Lara bereits seit einiger Zeit auf Instagram und habe dort Kontakt mit ihr aufgenommen.

Coronavirus in China: Ein Gespräch

Seit Donnerstag steht die Zeit in Norwegen still. Die Regierung trifft drastische Maßnahmen, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. In vielen europäischen Ländern werden ähnlich harte Entscheidungen getroffen. Wie lange lebt ihr schon mit dieser Situation?

Lara: Gerade heute (Sonntag) habe ich gesehen, dass mein erster Story-Beitrag zu den Thema schon vor acht Wochen war. Das war am 21. Januar, kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest, an dem Tag habe ich eine Insta-Bekannte, die aus Deutschland zu Besuch in China war, getroffen und zum ersten Mal haben wir über das Thema gesprochen. Zum ersten Mal haben alle Menschen in der Metro Masken getragen – wir auch!

Wie habt ihr von dem Coronavirus erfahren?

Lara: Wir haben von dem Virus, das zu dem Zeitpunkt noch hauptsächlich in der Provinz Hubei und dort der Stadt Wuhan zu finden war, über WeChat erfahren. WeChat ist ein chinesischer Messenger, über den sich Informationen rasend schnell verbreiten. Ich hatte das Gefühl, dass nahezu jeder sehr schnell Bescheid wusste. Die Maßnahmen zur Eindämmung wurden landesweit unglaublich schnell begonnen.

In Suzhou leben rund 10,5 Millionen Menschen

Welche Maßnahmen waren das zum Beispiel?

Lara: ALLE Feierlichkeiten zum Neujahrsfest, die eigentlich am 24. Januar beginnen sollten, wurden abgesagt. Reisetätigkeiten wurden sehr schnell eingedämmt. Die Maßnahmen, die getroffen wurden, trafen natürlich alle hart, aber sie wurden von allen akzeptiert und eingehalten. Aus unserer europäischen Sicht waren sie teilweise schon hart, aber wie sich gezeigt hat, waren sie am Ende sinnvoll. Meiner Meinung nach ist hier in China vor allem deswegen keine Panik ausgebrochen, weil man sich, trotz aller Ungewissheit, sicher gefühlt hat.

»Die Maßnahmen, die getroffen wurden,
trafen natürlich alle hart, aber sie wurden
von allen akzeptiert und eingehalten.«

Wenn man sich die Zahlen ansieht, kann man vielleicht besser verstehen, wie sinnvoll strenge Maßnahmen sind. Suzhou, ca. 11 Millionen Einwohner, 87 Infizierte – alle genesen. Provinz Jiangsu, ca. 80 Millionen Einwohner, 631 Infizierte – alle genesen. Die Zahlen aus Europa sind da zeitweise pro Kopf viel höher. Hubei und Wuhan als ›Hotspot‹ nehme ich aus diesen Vergleichen bewusst raus. 

Wie sahen Eure Tagesabläufe in den letzten zwei Monaten aus?

Lara: Unsere Tagesabläufe sind seit Ausbruch des Virus ziemlich unspektakulär. Anfangs hatte mein Mann noch frei – es war ja das chinesische Neujahrsfest – da waren wir daheim. Wir haben Filme geschaut, gelesen oder Spiele gespielt. Das Wetter war zum Glück meistens sehr schön, sodass wir spazieren gegangen sind. Das war verrückt! Kaum jemand anderes war spazieren. Wir sind einkaufen gegangen und haben viel gemeinsam gekocht, das klappt im Alltag ansonsten nicht so oft. Mein Mann hat außerdem viel von Zuhause aus gearbeitet. 

Menschenleer – die Straßen von Suzhou in den vergangenen Wochen

Ihr hattet also die ganze Zeit die Möglichkeit nach draußen zu gehen?

Lara: Ja, hier bei uns in Suzhou gab es nie eine generelle Ausgangssperre, deswegen konnten wir weiterhin raus gehen. Es wurde aber empfohlen, möglichst drinnen zu bleiben. Daran haben wir uns auch gehalten, aber einen Spaziergang an der frischen Luft haben wir fast täglich gemacht. 

Gab es Geschäfte, die die ganze Zeit über geöffnet hatten?

Lara: Alle Supermärkte waren hier weiterhin täglich, 7 Tage in der Woche, geöffnet. Ein paar wenige Geschäfte in der Mall durften auch weiterhin offen bleiben, aber der größte Teil der Läden wurde, zumindest vorübergehend, geschlossen. Es gab nie Versorgungsengpässe mit Lebensmitteln oder anderen wichtigen Dingen des Alltags. 

»Es gab nie Versorgungsengpässe mit Lebensmitteln
oder anderen wichtigen Dingen des Alltags.«

Was hilft Dir besonders in dieser speziellen Zeit?

Lara: Am meisten die Gespräche mit meinem Mann. Und der Austausch mit meinen China-Mädels. Von Anfang an haben wir uns unterstützt, zum Beispiel wenn jemand mal einen schlechten Tag hatte. Wir haben uns gegenseitig darin bestärkt, durchzuhalten. Mir tut es gut, zu wissen, dass ich nicht alleine bin in der Situation, und dass es ganz tolle Menschen gibt, die meine Lage kennen, meine Gefühle und Stimmung verstehen und einordnen können.

Sich an den kleinen Dingen erfreuen wie blühenden Kirschbäumen

Gibt es etwas, was Du und/oder Dein Mann vermissen?

Lara: Materielle Dinge haben wir gar nicht vermisst. Wir waren zum Glück ja nie in der Situation, dass wir Versorgungsengpässe oder Ähnliches gehabt hätten. Was uns aber total fehlt, ist die Möglichkeit, uns mit Freunden zu treffen. Eine der Maßnahmen ist, dass keine Besucher mehr in andere Wohnhäuser gehen dürfen. Wir würden auch gerne wieder essen gehen. Viele der Restaurants sind inzwischen zwar wieder geöffnet, haben aber strenge Auflagen, sodass ein Restaurantbesuch gerade noch nicht wieder so attraktiv ist für uns. Unsere geplante Neuseeland-Reise mussten wir leider absagen, weil für Reisende aus China ein Einreiseverbot besteht. Das ist eine der größeren Enttäuschungen für uns persönlich.

Welche Tipps hast Du für diejenigen, denen diese Zeit jetzt bevor steht?

Lara: Lasst euch nicht aus der Ruhe bringen, denkt von Tag zu Tag, nicht weiter. Habt keine Angst und lest/schaut nicht so viele Nachrichten. Wenn doch, dann wirklich nur die seriösen. Macht alles, was ihr könnt um die Verbreitung zu stoppen – dann geht es für jeden schneller vorbei. Jeder kann etwas tun, jeder muss etwas tun. Gerade ist nicht die Zeit für persönliche Befindlichkeiten, es ist keine schöne Zeit, aber sie geht vorbei. Das Coronavirus ist nicht die erste Pandemie, nicht die erste Krise, der wir entgegentreten und die wir durchstehen.

»Jeder kann etwas tun, jeder muss etwas tun. Gerade
ist nicht die Zeit für persönliche Befindlichkeiten,
es ist keine schöne Zeit, aber sie geht vorbei.«

Raus an die frische Luft – auch und gerade in diesen Zeiten

Haben der Coronavirus und die derzeitige Situation Deinen Blick auf China verändert?

Lara: China habe ich als ein sehr lautes, quirliges Land kennengelernt. Seit dem Ausbruch des Virus ist es hier sehr leise geworden. Seit ein paar Tagen allerdings ist die Großbaustelle nebenan wieder aktiv, Baulärm kann auch etwas ›beruhigendes‹ sein… Auf der einen Seite war es erschreckend zu sehen, dass hier plötzlich alles menschenleer ist. Die Straßen, die Metro, die Parks, die Mall, alles war leer und leise. Auf der anderen Seite bin ich beeindruckt von der Stärke eines jeden einzelnen hier. Jeder hat auf sein persönliches Wohl verzichtet – um das Wohl der Gemeinschaft wieder her zu stellen.

Am Ende fügt Lara noch ein Wort hinzu, das uns alle an den Mut erinnern sollte, der in uns liegt. 加油 (JiāYóu) ist Chinesich und heißt übersetzt: Komm schon, du schaffst das.


Wir schaffen das. Wir schaffen das gemeinsam. Du bist nicht alleine. Du bist nicht alleine mit Deinen Ängsten und Sorgen. Lasst uns füreinander da sein, uns gegenseitig unterstützen, zuhören und aufmuntern. In diesen Zeiten – und danach.

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Interview und Text:
Maren Tanke (Oslo, Norwegen) mit Lara Holldorf (Suzhou, China)
Titelfoto: Jerry Wang | Unsplash
Alle anderen Fotos: Laras Instagram-Account

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