Heimweh nach der Auswanderung:Frau auf der Warschauer Brücke in Berlin

Heimweh nach der Auswanderung: Meine Seele tanzt noch in Berlin

Viele Auswander*innen treffen früher oder später alle auf ein Gefühl – Heimweh. Auf die Sehnsucht wieder in der Heimat zu sein. Auf die Sehnsucht nach Geborgenheit. Auf schwelgende Erinnerungen daran, was in der Heimat besser war und ist. Wie es mir in Norwegen ergangen ist und ob ich noch Jahre nach meiner Auswanderung Heimweh spüre, liest Du in diesem Post.

Hallo Heimweh, was machst Du denn hier?

Während es draußen Ende November bitterkalt ist, ist es drinnen in der Konzerthalle wohlig warm. Ich lebe seit anderthalb Jahren in Norwegen. Die Luft knistert. Das Publikum strahlt. Die eindringliche Stimme des Sängers der US-amerikanischen Indie-Rock-Band The War On Drugs erfüllt die Halle mit endloser Euphorie. Feel the way that the wild wind blows through the room. Drei Frauen, die sich neben mir zum Takt der Musik hin- und herwiegen, liegen sich in den Armen. Ihre Augen leuchten. Sie lachen voller Lebensfreude. So voller Lebenslust wie es nur Freundinnen können. Mein Freund steht neben mir. Mein Partner, mein Rückhalt. Ich bin allein.

Meine Seele tanzt noch in Berlin

Meine Freundinnen sitzen gerade in Berliner Bars. Sie treffen sich zu ersten Dates. Fahren nach einer langen Schicht in der Buchhandlung nach Hause. Bringen ihre Kinder ins Bett. Stehen rauchend am Küchenfenster und schauen den Nachbarn auf der anderen Straßenseite beim allabendlichen Streit zu. Sie sind in Deutschland. Ich in Norwegen. Sie sind in Berlin. Ich in Oslo. Uns trennen mehr als 1.000 Kilometer Luftlinie.

Tränen rinnen über meine Wangen und bilden auf dem schwarzen Boden der Konzerthalle ein Meer aus Heimweh. You’re like an ocean in between the waves. Ein stechender Schmerz durchzieht meinen Körper. Von den Füßen bis in die Haarspitzen. Ich schluchze, ich weine, ich habe Heimweh. Meine Seele tanzt noch in Berlin.

Heimweh ist die Sehnsucht in der Fremde,
wieder in der Heimat zu sein.

Wikipedia

Was genau ist Heimweh?

Laut Wikipedia ist „Heimweh ist die Sehnsucht in der Fremde, wieder in der Heimat zu sein“. Nach anfänglichem Glück über die Auswanderung macht sich Heimweh bemerkbar. Kommt leise von hinten angeschlichen, packt Dich, durchfährt Deinen Körper blitzartig – und bleibt. Wenn Du begreifst, dass das Leben im Ausland anders ist als in Deutschland. Wenn Du begreifst, dass Du nicht nur in einen längeren Urlaub geflogen bist. Wenn Du begreifst, dass Du bleibst. Du morgen nicht die Freundin zum Frühstück triffst. Ihr keine stundenlangen Gesprächen über Gott, die Welt und das streitende Paar von gegenüber führen werdet. Das Heimweh, das hartnäckige, wird im neuen Land für viele zum ständigen Begleiter.

Das Heimweh, das hartnäckige, wird im neuen Land für viele zum ständigen Begleiter.

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Die Sehnsucht nach Vertrautem und Geborgenheit

Nach dem Ausbruch meines Heimwehs, erinnerte ich mich immer wieder an Momente meiner Kindheit – an die Ferien mit meinen Eltern an der Schlei in Schleswig-Holstein oder auf der Nordseeinsel Langeoog.

Ich sprang wagemutig in die unter mir liegenden Heuhaufen auf dem Bauernhof und nieste unaufhörlich, während es sich der aufgewirbelte Staub des Heus auf meinen Lungenflügeln bequem machte. Ich fand Eier von freilaufenden Hühnern im Heu, die wir am nächsten Morgen zum Frühstück kochten. Ich erlebte eine Sonnenfinsternis auf dem Hügel hinter dem Hof und ging abends vor dem Schlafengehen noch einmal zu den Pferden auf die Koppel. Ich streckte meine Nase in die frische Brise des Meeres. Glück riecht wie das Salz auf der Haut nach langen Tagen und Buddelabenteuern am Nordseestrand.

In Norwegen riechen die Sommer anders

Ich dachte an Nachmittage im Freibad unter der Weite des ostfriesischen Himmels. Das Kaufen der gemischten Tüte und Pommes rot-weiß. An den unvergleichlichen Geruch der Sommer meiner Kindheit aus Frittierfett, Chlor, sonnenverbranntem Rasen und Nivea-Sonnencreme. In Norwegen riechen die Sommer anders.

Was fehlt, ist das Vertraute,
das einem Sicherheit gibt.

Psychologen Online

Ich erinnerte mich immer wehmütiger an Berlin, meine Heimatstadt. Ich vermisste den Geruch der Linden im Frühling und den des Sommerregens auf heißem Asphalt. Ich vermisste meine Freundinnen. Die schöne Frau aus der kleinen Buchhandlung. Den Kellner aus dem italienischen Restaurant der nachts immer grüßte, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam. Ich vermisste den stummen Bäckerei-Verkäufer, den Biomarkt um die Ecke und den Geschmack der Sommerrollen des Asia-Ladens.

Aller Anfang ist schwer

Im ersten Jahr nach meiner Auswanderung nach Norwegen gab es Tage, an denen ich alles vermisste. Jede kleinste Erinnerung an die Heimat führte zu weiteren und türmten sich zu einem gewaltigen Sturm aus Heimweh auf. Sehnsucht nach Berlin, Ostfriesland, der Mecklenburgischen Seenplatte, Brandenburg. All diese Orte wurden erst in meiner Erinnerung zu den schönsten Deutschlands – war es wirklich richtig auszuwandern und alles hinter mir zu lassen?

Wenn das Leben in der neuen Heimat nicht mitspielt

Meine erste Festanstellung in Norwegen wurde zum Desaster. Schwärmten nicht alle in Deutschland von den so viel besseren Arbeitsbedingungen in Skandinavien? Je schwieriger die Situation bei der Arbeit für mich wurde, desto öfter spürte ich Heimweh. Bis es schließlich mit voller Wucht aus mir herausbrach. Vor allem die zahlreichen schlaflosen Nächte machten das Aufraffen jeden einzelnen Tag zur Herausforderung. Ich verbrachte mein erstes Weihnachtsfest in Norwegen vollkommen erschöpft, ohne jegliche Energie den Weg nach Deutschland auf mich zu nehmen. Bis ich die Notbremse zog. Und noch in der Probezeit kündigte.

So wirkt sich Heimweh auf den Körper aus

Der Verlust einer vertrauten Umgebung kann als sehr schmerzhaft empfunden werden. Kopf- und Rückenschmerzen, Verspannungen, Appetitlosigkeit oder Schlaflosigkeit sind keine seltenen Symptome bei Heimweh. Auch Veränderungen der Stimmung wie Niedergeschlagenheit, Trauer, Wut und Verbitterung können auftreten. Ein wilder, ein ganz und gar rücksichtsloser Mix aus Gefühlen. Je mehr Heimweh Du fühlst und zulässt, desto schwieriger wird es im neuen Land anzukommen.

Mein Tipp: Lässt das Heimweh nach der Auswanderung nicht nach, wird immer stärker oder beeinträchtigt Deinen Alltag im Ausland sehr, kannst Du darüber nachdenken, Dir professionelle Hilfe zu suchen. Dies ist auch im Ausland möglich. Wenn Du Unsicherheiten auf Grund der anderen Sprache hast, gibt es inzwischen auch viele deutschsprachige Psychologen/innen, die eine Online-Beratung anbieten.

Die Sehnsucht bleibt – für immer?

Während es draußen Ende November schon kalt ist und der erste Schnee liegt, ist es drinnen in dem kleinen Osloer Club wohlig warm. Ich lebe seit dreieinhalb Jahr in Norwegen. Die Luft knistert. Ich kaufe mir ein Bier und stoße auf mich an. Skål! Der Mann neben mir tanzt ausgelassen. Meine Freundinnen sind krank zu Hause geblieben. Ich bin alleine, aber nicht einsam. Der Abend fühlt sich an wie einer der zahlreichen Abende in Berlin, in denen ich alleine in der Stadt unterwegs war. Berlin. Musik. Tanzen. Mehr brauchte es nicht. Seit Jahren fühlt sich wieder alles richtig an. Mein Freund wartet zuhause. Zuhause in Oslo.

Heimweh als Chance auf Wachstum

Heimweh nach der Auswanderung gehört für viele Auswander*innen zum reichhaltigen Repertoire an Gefühlen. In einer Auswanderung liegt aber zusätzlich die einmalige Chance, über sich selbst hinauszuwachsen. Wie auf Wikipedia treffend beschrieben: „Das Verlusterleben kann zur krisenhaften Reflexion veranlassen und neue Wachstumsschritte der Persönlichkeit ermöglichen.“ Was Du über Dich selbst und den Umgang mit Deinen Gefühlen während der Auswanderung lernst, kann Dir niemand nehmen.

Wie mit allen Gefühlen nach der Auswanderung,
führt kein Weg daran vorbei, auch mit dem Heimweh geduldig umzugehen.

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Der Schmerzt geht, die Sehnsucht bleibt

Dreieinhalb Jahre nach meiner Auswanderung nach Norwegen, gibt es nach wie vor Tage, in denen ich meine Heimat, meine Freundinnen und Familie vermisse. Ich erinnere mich an gemeinsame Erlebnisse oder nehme aus dem Nichts auftauchende altbekannte Gerüche wahr. Heute verspüre ich dann keinen stechenden Schmerz mehr, sondern ein warmes, wohliges Gefühl, das meinen Körper durchfährt.

Je länger ich in Norwegen lebe, desto sicherer und geborgener fühle ich mich. Wie mit allen Gefühlen nach der Auswanderung, führt kein Weg daran vorbei, auch mit dem Heimweh geduldig umzugehen. Bis das neue Land zum Zuhause voller Geborgenheit wird und die Straßen, die man täglich geht genauso vertraut sind wie die in der Heimat. Aber die Sehnsucht bleibt… für immer?

Heimweh als kollektives Gefühl unserer Zeit?

Die Sehnsucht nach Geborgenheit, der nostalgische Blick auf die bessere Vergangenheit, die unbeschwerte Kindheit sind in der heutigen Zeit wieder deutlich spürbar. Je unsicherer die Zeiten, in denen wir leben, desto tiefer der Wunsch nach Vertrautem, Altbekanntem und gelebten Traditionen. Die Rückkehr in die als sicher und beschützend empfundene Heimat wirkt nicht nur auf Auswander*innen wie die optimale Lösung. Vielleicht spüren wir alle Heimweh, auch wenn wir in unserer Heimat – in Deutschland – leben. Heimweh mag das kollektive Gefühl unserer Zeit sein.

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Text: Maren Tanke
Foto: Flo Karr | Unsplash

4 Kommentare zu “Heimweh nach der Auswanderung: Meine Seele tanzt noch in Berlin

  1. Geht mir genauso! Berlin hat auch bei mir einen ganz besonderen Platz im Herzen. Aber ich frage mich, ob ich nicht ein zu romantisches Bild von der Stadt meiner Studentenzeit habe und ob das Leben dort auch als Familie auch noch so „cool“ wäre?!

  2. Hei Isabelle. Wie schön, dass es Dir genauso geht. Da bin ich nicht alleine! Wahrscheinlich hast Du sogar Recht, und mein Bild auf Berlin ist ein verklärtes, begründet auf meiner so freien Studien- und Arbeitszeit dort. Eventuell würde sich meine Sehnsucht ein wenig legen, wenn ich selbst Kinder hätte… Dann würde ich den Unterschied zwischen Norwegen und Deutschland mit Sicherheit noch mehr spüren.

  3. Hallo liebe Maren, ich freu mich, dass du dich nun in Oslo zu Hause fühlst. Berlin würde ich nicht wirklich vermissen, aber ich habe auch noch nie dort gelebt. Mir reichen immer die Tage im März, wenn mal wieder Messe ist, und Berlin so dreckig, grau und ungesund wirkt. 😉 Was ich eigentlich (statt dieser unqualifizierten Äußerungen) sagen wollte: Anfang Februar werde ich voraussichtlich nach Oslo kommen (nicht auswandern, also nur kurz). Wenn du Lust und Zeit hast, können wir uns gerne auf einen Kaffe treffen. Liebe Grüße, Elke

  4. Hallo liebe Elke. Wahrscheinlich liebt man Berlin, oder nicht. 🙂 Ich habe dort gelebt seitdem ich 19 Jahre alt war. Für mich steht die Stadt für meine Unabhängigkeit, die besten Freundschaften, und wildesten Abenteuer. Ob ich heute dort immer noch glücklich wäre, weiß ich selbst nicht. 🙂 Wie schön, dass Du nach Oslo kommst! Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns auf einen Kaffee treffen würden. Ich sende Dir gerne meine Telefonnummer, dann ist es mit einer Verabredung noch einfacher. Viele Grüße ans Meer!

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