Coronavirus in England: Ein Gespräch mit der deutschen Auswanderin Anika

»Manchester ist mittlerweile mein Zuhause und es gibt keinen anderen Ort, an dem ich lieber wäre.«

In Großbritannien herrscht auf Grund des Brexit gefühlt bereits seit Jahren ein undurchschaubares Chaos. Und nun on top das Coronavirus – die Krise, die die Welt in Atem hält. In Norwegen liegt das öffentliche Leben seit zwei Wochen still. Die meisten anderen europäischen Länder folgten, während die britische Regierung um Premierminister Boris Johnson anfangs eine andere Strategie führte. Wie sieht die Situation heute im Königreich aus? Über die aktuelle Lage in England habe ich mit der deutschen Auswanderin Anika gesprochen.

Eigentlich wollten wir uns über Ostern in Deutschland sehen. Reunited in der norddeutschen Tiefebene. Anika und ich. Anika ist Anfang 30, und seit 15 Jahren meine engste Freundin. Seit mittlerweile zwei Jahren lebt sie zusammen mit ihrem englischen Verlobten Andy in Manchester, der drittgrößten Metropolregion des Vereinigten Königreichs mit 3 Millionen Einwohnern. Statt einem analogen Treffen wie in den guten, alten Zeiten blieb uns in diesen für uns alle merkwürdigen Zeiten nur ein digitales Interview. I proudly present: Meet The Auswanderer, Anika.

Anika vor zwei Jahren bei einem Besuch in Oslo

Coronavirus in Großbritannien: Wie ist die aktuelle Lage?

Anika: Corona ist eigentlich erst seit gut zwei Wochen so richtig in den Köpfen der Menschen in UK angekommen und nun werden quasi täglich die Maßnahmen angepasst. Zuerst wurden Firmen veranlasst, ihre Mitarbeiter, wenn möglich, ins Homeoffice zu schicken oder noch stärkere Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz zu gewährleisten. Dann schlossen alle Schulen. Restaurants, Pubs und Bars folgten Ende vergangener Woche. In dieser Woche mussten sämtliche nicht-essentiellen Geschäfte ebenfalls bis auf wenige Ausnahmen schließen. Wir dürfen nur noch zum Einkaufen, Sport oder den Weg zur ›systemrelevanten‹ Arbeit nach draußen. 

Du lebst mitten im Zentrum Manchesters. Wie erlebst Du die Situation speziell dort?

Anika: Ich wohne direkt im Northern Quarter. Einem Teil von Manchester, der als ›hippes Szeneviertel‹ bezeichnet wird. In den Straßen reihen sich Bars, Restaurants und kleine Läden aneinander. Normalerweise ist hier sowohl tagsüber als auch nachts recht viel los. Nun gleicht das Viertel einer Geisterstadt. Alles ist geschlossen. Die Pubs sind sogar teilweise mit Holzplatten versiegelt, und bis auf den ein oder anderen vorbeifahrenden Nahverkehrs-Bus oder Spaziergänger ist es wie ausgestorben. Es fehlen eigentlich nur noch die vorbei wehenden Strohballen…

Coronavirus in England
Ein geschlossener Pub? In Großbritannien eigentlich undenkbar

Werden die Maßnahmen, die die Regierung veranlasst, eingehalten?

Anika: Jein. Ich habe tatsächlich seit Verkünden der Bar- und Restaurantschließungen keinen geöffneten Gastronomiebetrieb mehr gesehen. Dies hat mich überrascht, denn der regelmäßige Pub-Besuch ist den meisten Briten ein Heiligtum, ohne den es nie lange geht. Ich hatte daher mit einem großen Aufschrei innerhalb der Bevölkerung gerechnet. Allerdings konnte man in den Nachrichten verfolgen, dass sich viele Leute spontan in den Biergärten (geschlossener) Pubs mit selbstmitgebrachten Getränken versammelt haben. Auch gab es einen regelrechten Strom an Wochenendtouristen, die sich zu einem Ausflug nach Wales oder den Peak District entschieden. Dies führte zu völlig überfüllten Nationalparks, sodass das Gebot ›Abstand halten› nicht mehr einzuhalten war. Die Polizei hält nun Autofahrer an und schickt sie zurück nach Hause. Großbritannien ist ja nicht gerade für sein gutes Wetter bekannt und insbesondere Manchester zählt zu einer der regenreichsten Regionen. Es hilft daher nicht, dass genau jetzt das Wetter sehr sonnig und frühlingshaft ist, und einfach niemand tagelang in den eigenen vier Wänden sitzen möchte.

»Panisch sind meiner Ansicht nach die wenigsten – ›Besorgnis› trifft es mehr.«

Wie verhalten sich die Engländer: Sind sie entspannt oder panisch?

Anika: Es ist ganz unterschiedlich. Mittlerweile scheint es bei der Mehrheit der Bevölkerung angekommen zu sein, dass dieses Virus nicht nur eine alljährliche Grippe ist, sondern das Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen wird. Panisch sind meiner Ansicht nach trotzdem die wenigsten – ›Besorgnis› trifft es mehr. 

Coronavirus in England
Die leergefegten Straßen im Northern Quarter in Manchester

In Norwegen haben sich in Rekordzeit zehntausende arbeitslos gemeldet. Wie sieht die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Großbritannien derzeit aus?

Anika: Die Krise bedroht derzeit viele Existenzen. Aufgrund des sehr arbeitgeberfreundlichen Arbeitsrechts in Großbritannien stehen zigtausende Arbeitnehmer mit nur einer Woche Kündigungsfrist plötzlich auf der Straße. Andere Menschen gehen weiter zur Arbeit, um ihren Job nicht zu verlieren. Das ist insbesondere dann gefährlich, wenn diese erste Symptome zeigen. Aufgrund der lächerlich geringen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kann ich mir gut vorstellen, dass viele Arbeitnehmer trotz leichter Symptome zur Arbeit gehen, um ihre Familien weiter ernähren zu können. Das ist extrem gefährlich. Man kann diesen Arbeitnehmern aber nichtmal böse sein, denn sie sind Opfer eines unsozialen Systems.

»Man kann diesen Arbeitnehmern aber nichtmal böse sein, denn sie sind Opfer eines unsozialen Systems.«

Immerhin gibt es mittlerweile einen Plan, Unternehmen und Betriebe dahingehend zu unterstützen, ihre Angestellten nicht zu entlassen, sondern den Großteil der Lohnzahlungen zu übernehmen. Auch für kleinere Betriebe und Selbständige gibt es nun entsprechende Programme.

Coronavirus in England
Viele Arbeiter*innen bangen in Großbritannien um ihre Jobs

Geht die britische Regierung Deiner Meinung nach mit der Situation richtig um?

Anika: Ich denke, die verabschiedeten Maßnahmen kommen zu spät. Man hätte aufgrund der Erfahrungen, die in anderen Ländern gemacht wurden, schon viel früher striktere Maßnahmen ergreifen müssen, um eine Ausbreitung des Virus zu stoppen. Da das Gesundheitssystem hier seit Jahren systematisch unterfinanziert wurde, wird man leider schnell an die Grenzen stoßen und alle verfügbaren Kapazitäten überstrapaziert haben. Es ist zumindest positiv, dass nun ein deutlich höheres Bewusstsein dafür zu entstehen scheint, welche Berufsgruppen für die Gesellschaft in solch einer Krise essentiell sind. Ich hoffe stark, dass die massive Unterfinanzierung von unter anderem Gesundheitssystem und Pflege endlich beendet wird und Angestellte dieser (und weiterer) Berufsgruppen auch endlich ein ›Dankeschön‹ auf monetärer Ebene erhalten. 

»Man vermisst tatsächlich die Normalität bzw. das, was man für normal und selbstverständlich hält.«

Gibt es etwas, was Du in dieser Zeit vermisst?

Anika: Man vermisst tatsächlich ein bisschen die Normalität bzw. das, was man für normal und selbstverständlich hält. Momentan ist einfach jeder Tag gleich. Ich war schon immer eine kleine Nachteule, und gehe wahnsinnig gern aus. Das wird jetzt erst einmal flachfallen. Mein Freund und ich hatten in den nächsten Wochen verschiedene Städtetrips geplant, die nun alle ausfallen. Oder einfach unbeschwert Freunde treffen, oder die Schwiegereltern. Am Ende des Tages sind dies alles Luxusprobleme und ich bin sehr dankbar, selbst nicht in einer existenzbedrohenden Lage zu sein. Wie zum Beispiel die Besitzer meiner Lieblingsbars in der näheren Umgebung oder ohne Vorwarnung gekündigte Beschäftigte. Was nun erst einmal mehr zählt als alles andere, ist seinen eigenen Beitrag zur Eindämmung zu leisten, indem man zuhause bleibt!

Coronavirus in England
Auch der Frühling fühlt sich dieses Jahr anders an

Du hast auch vorher einen Großteil von zuhause gearbeitet: Hast Du einige Geheimtipps, wie das Arbeiten im Homeoffice gelingt?

Anika: So verlockend es auch sein mag, den ganzen Tag im Nachthemd plus Kapuzenpulli zu verbringen, bemühe ich mich sehr darum, mich täglich ganz normal zurechtzumachen. Gerade jetzt, wo ich viel Zeit mit meinem Freund auf engstem Raum in unserer kleinen Wohnung verbringe, lege ich noch mehr Wert darauf, eine gewisse Normalität zu suggerieren. Es hilft außerdem bei spontanen Videokonferenzen für die Arbeit, wenn man nicht halb verwahrlost auf der Couch sitzt. Ansonsten halte ich mich weitestgehend an normale Arbeitszeiten und eine klare Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit. Der Abend muss heilig bleiben als gemeinsame Zeit mit meinem Freund, keiner von uns käme auf die Idee, ›noch einmal schnell eine E-Mail schreiben‹ zu wollen oder Ähnliches…

»Ich halte mich weitestgehend an normale Arbeitszeiten und eine klare Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit.«

Du hast Dich entschieden, in England zu bleiben – wärst Du in dieser Zeit lieber in Deutschland?

Anika: Nein, Manchester ist mittlerweile mein Zuhause und es gibt keinen anderen Ort, an dem ich lieber wäre. Ich bin allerdings traurig, meine Eltern in der näheren Zukunft nicht sehen zu konnten. Wir wollten sie über Ostern in Deutschland besuchen. Dies muss nun auf unbestimmte Zeit verschoben werden.


Bist Du auch ausgewandert? Wie ist die momentane Situation in Deiner neuen Heimat? Wie geht die dortige Regierung mit dem Coronavirus um? Wärst Du gerade lieber in Deutschland? Erzähle gerne mehr in einem Kommentar, oder sende mir eine Nachricht.

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Interview und Text:
Maren Tanke (Oslo, Norwegen) mit Anika (Manchester, Großbritannien)
Titelfoto: Matt Atherton | Unsplash
Alle anderen Fotos: Anika

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