Ein Nachtzug fährt durch eine vom Mondschein erhellte Landschaft

Mit dem Nachtzug von Oslo nach Berlin?

In Berlin war ich das letzte Mal vor einem Jahr. Als der Winter in Norwegen nicht enden und der Schnee einfach nicht schmelzen wollte, hielt ich es nicht mehr aus, stieg in ein Flugzeug und landete anderthalb Stunden später in Schönefeld. In Berlin strahlte die Sonne. Die Luft duftete so herrlich nach Linden, wie nirgendwo sonst. Frühling! In! Berlin! Du fehlst mir. Wie gerne wäre ich öfter dort – würde mir die Sonne auf dem Tempelhofer Feld ins Gesicht scheinen und mir von den lauen Winden den Duft des Frühlings in meine Nase tragen lassen. Ich würde in Oslo ins Flugzeug steigen, und zack, in Berlin wieder aus. Wenn da nicht…

Ein Leben mit Flugangst

… meine Flugangst wäre. Wenn nicht jede Buchung jeden Fluges Herzrasen und Panik auslösen würde. Wenn sich die Woche vor einem Flug nicht immer wie meine letzte anfühlen würde. Wenn ich nicht jeden Flug Todesängste ausstehen müsste. Wenn mein Körper in zehn Kilometern Höhe einfach mal aufhören könnte zu beben, zu zittern und zu schwitzen wie 1000 Schweine gleichzeitig. Einfach mal keine Verspätung, kein technischer Defekt, kein Sturm. Einfach mal ganz entspannt reisen.

Dies ist mein letzter Flug. Ich will das nicht mehr. Ich kann das nicht mehr.

Ich bin in den letzten Jahren so oft geflogen. Ich habe es immer wieder probiert. Meinen bebenden Körper ausgehalten. Deutschland, Dänemark, Finnland, Portugal, Niederlande, England, Italien. Immer wieder Berlin. Hin und zurück. Bei jedem Rückflug verkündigte ich schluchzend: „Dies ist mein letzter Flug. Ich will das nicht mehr. Ich kann das nicht mehr.“

Das Unverständnis all derjenigen, die die Freiheit über den Wolken genießen als würde es nichts schöneres geben. Die Bewunderung meinerseits für die, die ins Flugzeug steigen, als würden sie nur die U-Bahn zur Arbeit nehmen.

Und was ist eigentlich mit dem Klima?

Zusätzlich zur Angst drängt sich inzwischen aber auch immer mehr das schlechte Gewissen in den Vordergrund, mit jedem Flug das Klima stark zu belasten. Es muss doch andere Möglichkeiten geben?

Eines Tages tauchte in meiner Facebook-Timeline ein Post auf, der mein verängstigtes Flugherz und besorgtes Klimagewissen sofort mit viel Liebe und Hoffnung umhüllte: Nachtzug nach Berlin. Was für eine grandiose Idee! Abends in Oslo um 18 Uhr in den Zug zu steigen, sich sanft zum gedämpften Rattern der Schienen in den Schlaf schaukeln lassen und morgens in Berlin um 8.55 Uhr aufzuwachen. Frühling, Sommer, Herbst und Winter in Berlin. Meine persönliche Freiheit.

Miljøpartiet De Grønne, die Umweltpartei in Norwegen, postete diesen Vorschlag bereits Anfang Februar auf Facebook und stellte die Frage ebenfalls an das norwegische Verkehrsministerium.

Der Hoffnungsschimmer: Nachtzug nach Berlin

In der Antwort heißt es unter anderem: In Norwegen gebe es zur Zeit 20 Schlafwagen, die auf einigen Strecken innerhalb Norwegens eingesetzt werden, so zum Beispiel Oslo–Bergen, Oslo–Trondheim und Trondheim–Bodø. Um das Angebot zu erweitern, müssten weitere Schlafwagen angeschafft werden. Dies sei zur Zeit nicht vorgesehen. Außerdem würde man die Einschätzung, ob das Angebot eines Nachtzuges von Oslo nach Berlin auf Nachfrage trifft, gerne den Experten der NSB, der Norwegischen Staatsbahn, überlassen. Vorerst konzentriere man sich auf die Verbesserung des Zugverkehrs innerhalb Norwegens, und zwischen Norwegen und Schweden.

Nachtzug nach Berlin – ein Traum, der ein Traum bleibt. Vorerst.

Ich reise trotzdem nach Berlin. Mit der Hoffnung, eines Tages im schaukelnden Waggon des Nachtzuges zu reisen und zum Frühstück vor der Tür meiner Freundin in Berlin zu stehen – mit Zimtschnecken aus Oslo im Gepäck.


Foto: Jonathan Barreto | Unsplash

2 Kommentare zu “Mit dem Nachtzug von Oslo nach Berlin?

  1. Ich habe eine Flugangst aufgrund einer enormen Lebensmittelvergiftung in Thailand auf dem Rückflug nach Deutschland entwickelt.
    Die letzten drei Urlaube auf Mallorca waren aufgrund des Fluges Hin (Wochen vorher Alpträume) und Zurück (während des Urlaubs unentspannt) semi-optimal.
    Nachdem wir zwei Jahre ohne Auto in Hamburg zurecht kamen, haben wir uns für einen Camper entschieden und sind gerade seit einer Woche in Schweden und noch zwei Wochen on tour, um für nächstes Jahr zu proben.
    Da wollen wir vor der Einschulung unseres Sohnes 8 Wochen durch hauptsächlich Norwegen und wieder Schweden und Finnland.
    Bin gespannt, was uns so erwartet.

  2. Liebe Janine,

    Danke, dass Du Deine Flugangst-Geschichte mit mir teilst. Oftmals fühle ich mich mit dieser Angst alleine, wenn viele Freunde und Bekannte mal eben für ein Wochenende in die Ferne fliegen oder der Jahresurlaub am anderen Ende der Welt verbracht wird. Da tut es gut zu hören, dass Du mit Deiner Familie auch im Camper unterwegs bist. Ist es nicht herrlich, einen Urlaub mal ganz entspannt zu verbringen? Ich mache dieses Sommer das gleiche – mit dem Auto von Oslo nach Nord-Norwegen. Mehr dazu bald auf meinem Blog. Eventuell sind dann auch ein paar Tipps für Euch dabei!

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