Frau hält Regenschirm in dunkler Nacht auf Berliner Straße

Ein letzter Abend in Berlin

Ich stolpere über die Straßen. Die Ampel blinkt orange. Das macht sie immer ab Mitternacht. Es ist halb zwei. Ich wohne zu weit draußen. Ich schaue nach links, nach rechts, nach links. Es riecht nach Sommerregen, obwohl es Frühling ist. Das erste Mal in diesem Jahr.

Ich fange an zu weinen. Die Tränen verschwimmen mit den Regentropfen und werden eins mit den Pfützen unter meinen Füßen. Die Lichter des Autos sind weit weg. Es bremst. Es wäre egal. Weil das alles so schön ist. Und weil das alles endet. Der Bus hält neben mir. Ich steige nicht ein.

Die Leute rennen. Und die Zeit rast mit.
Sollen sie rasen. Ich verlasse Berlin.

Ich sitze in der Bar am Rosa-Luxemburg-Platz. Ich möchte nicht nach Hause. Es ist noch zu früh. Ein Freund schreibt, was machst du heute? Ich fahre zu ihm. Ecke Danziger/Prenzlauer. Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen. Wir reisen an die gleichen Orte und stellen hinterher fest, dass wir uns um einen Tag verpasst haben. An einem meiner letzten Abende in Berlin verpassen wir uns nicht. Aus der Gegensprechanlage knarzt mir seine so vertraute Stimme entgegen: „Ich habe gerade geduscht, Herz.“

Ich platziere meine Jacke an der Garderobe und mich am Küchentisch. „Was möchtest Du trinken? Tee, Kaffee, Wein, Champagner, Gin?“ Ich lache und finde Aperol im Kühlschrank. Ich werde ihn vermissen.

Zuhause warten die Tiere. Ich packe eins. Es quiekt. Es ist so weich, so flauschig, so warm. Ihr kleines Herz pocht. Der Regen klopft an die Scheiben, ich sitze und streichele. Ich werfe Löwenzahn in den Stall. Sie sind still und mümmeln zufrieden. Eines der beruhigendsten Geräusche, das ich kenne, ist das Mümmeln von Nagetieren. Auf und ab, hin und her. Immer im Hintergrund, während ich so oft im Bett lag und an die Decke starrte. Ständig verschwindet kiloweise Gemüse in ihren Mäulchen, gesäumt von ihren zarten, feinen Lippen. Ich werde sie vermissen.

Ich stehe auf, öffne das Fenster im Schlafzimmer. Die weißen Häuser im Hinterhof strahlen in der Dunkelheit, von den roten Dächern tropft der Regen. Alle Fenster sind schwarz, alle schlafen. Die Wolken hängen tief. Ich gehe ins Wohnzimmer, öffne die Balkontür und schaue die Pflanzen an.

Ich gehe durch den Flur in meine Küche und werfe einen Blick in den leeren Kühlschrank. Ich lehne mich an den Schrank und starre auf das Bild, das seit meinem Einzug an der Wand lehnt und mich täglich darum bat, aufgehängt zu werden. Ich gehe ins Badezimmer und lasse mir ein Bad ein. Ich finde ein Badesalz mit Weihnachtsduft. Das Wasser läuft. Alles ist warm. Alles ist vertraut. Der Sommerregen im Frühling. Alleine in der Wanne. Ich werde es vermissen.

In der anderen Stadt wartest Du. Und ich warte darauf endlich anzukommen. Wie vor zehn Jahren in Berlin.

Ich zähle die Wochen, die Tage, Stunden und wenn ich viel Zeit habe, sogar die Minuten.

Ich gehe was mit meinen Freunden trinken, schreibst Du, während ich am Küchentisch sitze, Danziger/Ecke Prenzlauer. Ich stoße mit meinem Freund an und erzähle, wie wir uns kennenlernten. In dieser Bar. In der anderen Stadt. Aus der ich weder im Hochsommer, noch im tiefsten Winter nüchtern gegangen bin.

„Du strahlst so sehr, weißt Du das eigentlich?“, fragt mein Freund. Ich weiß, dass ich Dich bald nicht mehr vermisse. Ich zähle jede Sekunde.

Ich hab so vieles ausprobiert;
mein Herz tut immer noch so weh.
Wie eine kraftlose, alte Raupe
quält sich die U-Bahn durch die Stadt.
Nach Pankow und zurück.

Ich stürz mich rein in Menschenmassen
und treib hinaus auf hohe See.
In das Meer der Gottverlassenenen
und der Anonymität.

Doch ich versinke
in der Isolation Berlin.
Berlin. Ich versinke
in der Isolation Berlin.
Berlin. Berlin. Berlin.
Berlin. Berlin. Berlin.
Berlin. Berlin.


Die Lyrics am Ende der Story stammen von der Band Isolation Berlin.

Text: Maren Tanke
Foto: Johannes Roth | Unsplash

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