Eine Wiese im Mittsommer

Mach was draus.

Sieben Blumen, an Mittsommer sollst Du sieben Blumen pflücken, von sieben Feldern, sie nachts unter Dein weiches Kissen legen. Und der Mensch, von dem Du dann träumst, ist der Mensch Deines Lebens. Das sagen die Schweden und Finnen. Du sammelst die Blumen und ich sage: „Nimm die Rose.“ Du pflückst sie aber nicht. Wir gehen weiter.

Bersarinplatz

Ich träume, Nacht für Nacht, und noch lieber am Tag. Von all den unbekannten Männern, die meine Pläne kreuzen oder eben nicht. Ich gebe mich gelassen. Wir laufen die Petersburger Straße hinauf, stopfen uns am Bersarinplatz in die volle Tram und spüren Berlin wie lange nicht mehr.

Du sammelst und ich laufe. Die Schönhauser entlang. Wir setzen uns und bestellen. „Du. Meine Mutter hat mich angerufen. Das macht sie nie um diese Zeit. Ich ruf sie zurück,“ wundere ich mich. Ich höre es sofort, obwohl sie nichts sagt. Nie um diese Zeit. „Er ist tot,“ sagt sie. „Der Notarzt war da. Er ist tot.“ Die Tränen rollen meine Wangen hinunter, weil er tot ist und weil sie weint.

Die Tränen rollen meine Wangen hinunter,

weil er tot ist und weil sie weint.

Ich habe geschlafen. Ich habe aufgeräumt. Ich habe Löcher in die Decke gestarrt, auf dem Balkon gestanden und in den Himmel geseufzt. Ich habe Kartoffeln geschält und gekocht, Zwiebeln angeschwitzt, Brokkoli dazu, heißes Wasser darüber gegossen, Pfeffer gemahlen, Salz auch, mit Muskat abgeschmeckt. Suppe. An diesem Mittsommertag. Es war so kalt.

Auguststraße

Ich habe das Bad geputzt, den Spiegel, das Waschbecken. Bis ich keine Lust mehr hatte. Und unter die Dusche sprang. Das Wasser war so warm. Und mir doch so kalt. Ich habe mein Gesicht geschminkt, in den Spiegel geschaut, Grimassen geschnitten und mich nicht gemocht. Ich habe einen perfekten Lidstrich gezogen und meine Wimpern getuscht, Rouge aufgetragen und meine rosa gefärbten Haare gekämmt, mich gemocht. Ich war spät dran, und bin los. Eine Freundin in Mitte getroffen, zusammen gesessen, gegessen, gelacht. „Bist du verliebt?“, fragte ich. „Ja,“ strahlte sie. Sie lachte glücklich. Es war wie immer. Es war wie jeder verdammte Tag. Sommersonnenwende. Der längste Tag des Jahres. An dem alles möglich ist. Wir verabschieden uns. Ich treffe noch einen Freund, weil ich finde, dass in diesem Moment die Sonne scheint, die an Mittsommer zu scheinen hat. Es ist zu früh, um nach Hause zu gehen. Wir treffen uns, Du sammelst Blumen und ich träume.

Schönhauser Allee

Du überlegst, ob Du Pasta oder Burger bestellen solltest. Ich bestelle ein Glas Wein. „Du. Meine Mutter hat mich angerufen. Das macht sie nie um diese Zeit. Ich ruf sie zurück.“ Dein Essen kommt, der Kellner berlinert, und ich heule. Du hältst mich im Arm. Und ich möchte nicht losgelassen werden. „Dein Essen wird kalt,“ finde ich. Du isst. Ich weine. Ich höre auf. Weil das alles so fern ist, und weil der Wodka meine Kehle hinunter fließt, als würde er sich gerade in keiner Kehle der Welt wohler fühlen. Er ist am längsten Tag des Jahres gestorben. Einfach so. Von einer Minute auf die andere. Ich trinke, und ich rauche. Weil er es so gemacht hat. Da geht einer, und der, der zurück bleibt, fühlt sich an diesem Tag so lebendig wie lange nicht mehr. Muss das so sein?

Weil das alles so fern ist, und weil der Wodka meine Kehle hinunter fließt, als würde er sich gerade in keiner Kehle der Welt wohler fühlen.

Torstraße

Wir verabschieden uns. Du bist weg. Ich steige in die U-Bahn. Die Leute starren mich an. Weinen darf man nicht. Und wenn, dann bitte heimlich, still und leise. Eine Frau starrt mich von der Seite an. Ich fahre in die Bar, in der ich immer sitze. Ich bestelle ein Bier. „Er ist tot.“ Eine Freundin kommt, drückt und hält mich. Eine halbe Stunde, oder eine ganze. Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich fühle nichts, und gleichzeitig alles.

Florastraße

Ich sitze auf meinen Balkon. Hinter den Häusern erschleicht sich die Sonne einen neuen Tag. Ich kann nicht schlafen. Ich bin das erste Mal mit dem Tod alleine. Die Dunkelheit weicht, die Vögel zwitschern. Es ist der Tag nach Mittsommer. Die Tage werden kürzer. Wieder. Und wieder. Und wieder. „Auf ein Neues!“, schreit der junge Tag. Ich habe von meinen Reisen Postkarten geschickt und er bedankte sich mit den Worten: „Du hast so eine gute Schreibe, Kind. Mach was draus.“

Verdammt noch mal, mach was draus. Mach was draus.


Foto: Free-Photos | Pixabay

Der Text stammt von meinem ersten Blog „Take Me To The Wild Sea“ und wurde 2015 erstmals veröffentlicht.

Kategorien Stories

über

Hei, ich bin Maren, Anfang 30, Grafikdesignerin mit viel Liebe für Wörter, Skandinavien, Zimtschnecken und Neuschnee. 2016 bin ich von Berlin nach Norwegen ausgewandert – seitdem hat sich mein Leben auf den Kopf gestellt.

0 Kommentare zu “Mach was draus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.